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Überarbeitet: 28. August 2021

 

Einfühlung und Abstraktion in der Kunst Ernst Lindemanns

Kaum eine Dissertation in der Kunstgeschichte hat soviel Diskussionen ausgelöst wie „Abstraktion und Einfühlung“ (1905) von Wilhelm Worringer.  Sein neuer Blickwinkel auf die Entstehung von Kunst, auf den Umgang des Künstlers mit der ihn umgebenden Welt, hilft beim Verständnis der Kunst.

Die abendländische Kunst ist bestimmt von einem Einfühlen in die Welt, die den Künstler umgibt, er liebt diese Welt, sie gibt ihm Maß und Raum. Da ist keine Flucht vor dem Unbeherrschbaren, da schrecken nicht Donner und Blitz, da tritt der Mensch nicht die Flucht in die Glückseligkeit des Jenseits an. Die griechischen Götter sind menschlich, sind in den Räumen, in denen auch der Mensch lebt, zu Hause. Das bleibt nicht so. Im Mittelalter unter der christlichen Religion bedeutet der Glaube wieder Erlösung von irdischer Beschwernis, aus dem Jammertal. In dieser Zeit kommt es zu stärkerer Abstraktion. In der Gotik, vor allem in der gotischen Architektur, ist eine Jenseitsflucht bestimmend.

Doch mit der Renaissance wendet sich der Künstler und natürlich wenden mit ihm die Menschen sich dem Diesseits zu, der Mensch entdeckt wieder sein Ich und er entdeckt die Welt, in der er Gott nun zu finden meint. Mit der Hinwendung zur Welt entsteht das Landschaftsbild, das sich im Laufe der nächsten Jahrhunderte zum bestimmenden Thema entwickelt, bis es seinen Höhepunkt im Impressionismus erreicht.

Hier setzt die Malerei Ernst Lindemanns ein. Er, der durch ein traumatisches Erlebnis zu Beginn seiner Jugend, aus der Bahn geworfen wurde, entscheidet sich für den künstlerischen Weg, der oft auch Einsamkeit bedeutet. Er wählt den Brotberuf der angewandten Kunst, aber in seiner Lebensbeschreibung nennt er sein künstlerisches Schaffen sein Eigentliches. Doch zu Anfang spielt er die künstlerischen Wege seiner Zeit nach, den Impressionismus, den Jugendstil, ehe er zu dem kräftigeren Zugriff des Expressionismus kommt. Während er in seiner Ausbildung auch immer wieder Portraitzeichnungen gemacht hat, ist der Mensch als Gegenstand seiner Kunst selten, nämlich nur als Selbstportrait. Er ist ganz auf die Landschaft konzentriert, nicht die liebliche der Impressionisten, die leuchtende, sonnige, die blumenbewachsenen Wiesen unter blauem Himmel und leichten weißen Wolken, sondern seine Landschaften sind schwer, oft finster, der Mensch ist nur mit seinen heftigen Eingriffen da oder in den geduckten Hütten. Er selbst ist nicht zu sehen. Warum löst sich Ernst Lindemann so völlig von dem breiten Themenspektrum der Malerkollegen seiner Zeit? Van Gogh, Munch, Nolde, die er in Hamburg sieht, malen auch die Menschen. Er aber fühlt sich in die Landschaft ein, sie allein ist Raum, in dem er sich spüren kann. Ja, er hat den Turm der Johannis-Kirche gemalt, auch Dachgiebel, aber eben keine Stadt mit Menschen, mit Verkehr mit dem Gewirr der Straßen. Für ihn war die Landschaft sein Part, oder sollte man sagen Widerpart? Zu Anfang fühlt er sich noch ein, da sind auch Blumenrabatten, gemähte Felder mit Hocken. Aber die Bilder werden immer bewegter, immer heftiger die Farben, und er gerät tiefer in die Abstraktion, bis schließlich nur Bewegung, Heftigkeit des Farbauftrags und Linienschwung bleiben. Was führt bei Ernst Lindemann zu dieser Abstraktion? Worringer hat die Abstraktion als Kunstform damit erklärt, dass der Mensch sich dem Raum gegenüber, in dem er lebt, verloren fühlt, dass er ihn als Bedrohung sieht, dass er ihn bannen muss in Zeichen, eben in abstrakten Zeichen, die überschaubar und klar sind. Ernst Lindemann schreibt in seinem Aufsatz „Vom Sinn unserer Landschaft“:

„Nicht nur um uns ist unsere nordwestliche Landschaft, sondern auch in uns. Auf Gedeih und Verderb gehören wir zu ihr. Nicht sie kommt zu uns, sondern wir müssen zu ihr kommen.  Weil wir ja nur in ihrer Luft ganz tief atmen können. In dieser Luft, die ungehindert über Felder und Wälder weht, über Heide, Moor und Meer. Leise ist dies Wehen manchmal und dann wieder wird es zum peitschenden Sturm. Wolken rasen, ihre Schatten gespenstern über das weite Land; ein tosendes Miteinander von sprühendem Licht und abgründigem Dunkel, worin alles Dinghafte versinkt. Nach dem Drama wieder die Stille. Helles und Dunkles kämpft nicht mehr, sondern sein Strömen, Wogen will Einheit werden, ein einziges großes, lebendes, atmendes Wesen.“ Etwas weiter heißt es: „. Auch er (der Mensch) neigt sich in erschauernder Ehrfurcht; auch er weiß, dass er hier klein, gering ist, einem Sandkorn gleich, das der Wind wirbelnd entführt.“ (Ernst Lindemann, Vom Sinn unserer Landschaft; in: Lüneburgsche Anzeigen, 3. Blatt.5 Gilbhart/ Oktober 1934)

Die Sprache verrät schon zu Anfang dieses Textes, worum es geht: Gedeih und Verderb, peitschenden Sturm, Schatten gespenstern, abgründigem Dunkel. Seine Behinderung hat ihn den Menschen vielleicht entfremdet. Und die Landschaft? Auch sie hat etwas Bedrohliches, etwas, was den Menschen auszuschließen scheint. Aber Ernst Lindemann kämpft um diese Landschaft, wenigstens zu ihr möchte er gehören, in ihr möchte er zu Hause sein. Bleibt ihm am Ende nur, sie in Zeichen zu bannen? Über weite Strecken hat Ernst Lindemann sich eingefühlt in die Landschaft, sie hat er als seinen Raum erlebt. Doch hat er nicht den Menschen in diesem Raum gesehen. Versteckt, geduckt sind seine Behausungen in der Landschaft versteckt. War es seine Behinderung, die ihn den Menschen entfremdet hat? War es die Landschaft, die ihn nach Halt suchen ließ? War er ein Unbehauster, der nach der Landschaft als dem Zuhause suchte?

Wie er zu Anfang seines Textes beschreibt, scheint sie ihn auszustoßen, sie ist ein ‚abgründiges Dunkel’. So ist vielleicht zu verstehen, dass er zu abstrakteren, ornamentalen Formen kommt, in denen er die Landschaft zu bannen versucht. Worringer versucht die nordeuropäische Entwicklung zu erklären: „Und da ergibt sich ja schon …. die Tatsache, dass in dieser Kunst die Tendenz in ihrem ganzen Anfange eine abstrakte ist, die dem Organischen als Trübung des Ewigkeitswertes möglichst auszuweichen sucht und die wieder mit aller bewusster Absicht die Dreidimensionalität vermeidet und alles Heil in der Fläche sucht.“ (Wilhelm Worringer, Abstraktion und Einfühlung, München 1959, S.143)

So sieht man im oberen Bild wie der Künstler sich einfühlt in das Organische: Blumen, dahinter aufragende Bäume und im Durchblick eine Kirchenwand. Die Welt ist im Stil des Impressionismus erfasst. Das untere Bild drückt die Landschaft in die Fläche, ins Ornamentale. Bannt sie geradezu ins Zeichenhafte, um sich ihr nicht im Einfühlen auszuliefern.

Die beiden Begriffe entsprechen nach Meinung Worringers auf dem Gebiete der Religions- und Weltanschauungsgeschichte „ der Innerweltlichkeit (Immanenz), die sich als Polytheismus oder als Pantheismus charakterisiert und der Überweltlichkeit (Transzendenz), die zum Monotheismus überleitet.“ (a,a.O., S. 143)

Im oberen Bild sind Mensch und Welt im Einklang, während im unteren Bild Mensch und Welt sich entfremdet haben. Kunst wird zum Zeichen, in dem das Strömende, Unfeste, Unstete der Erscheinung gefestigt, gebannt wird. Wenn das einfühlende Sehen den Wind in der Bewegung der Bäume wahrnimmt, in dem Ziehen der Wolken, die Bewegung des Wassers in den Schaumkronen und das wandernde Licht  im Schatten wahrnimmt, dann nimmt das abstrahierende Sehen den Schwung und die Bewegung nur noch in der Führung der Linien, die verschiedenen Farben der Landschaft nur noch in einer symbolischen Farbigkeit wahr, nicht mehr in der Gegenstandsfarbe.

Geriet Lindemann in den 30er Jahren in eine Entfremdung zu seiner Zeit, er galt als entartet, und suchte er daher die Rettung in der Abstraktion? Ist vielleicht die moderne abstrakte Kunst erklärbar als Vertrauensverlust gegenüber einer Welt, die im 20. Jahrhundert aus den Fugen geraten war, und dass damit ein einfühlendes Sehen nicht mehr möglich war? Abstraktion fand im Norden statt, während in Italien und Spanien, selbst noch in Frankreich die Gegenständlichkeit in der Kunst zum großen Teil immer noch erhalten geblieben war.

 

(Dieser Text mit weiteren Bildern auch in der neuen Tentakel - Januar 2021)

 

 

Kindheit und Alter, Fotage 2017

Palenque, Mexiko, Radierung 2014

Der Morgen danach

 

Er fühlte sich gut. Und selbst der Wunsch, nachts, kurz vor dem Einschlafen, wenn er sich noch einmal streckte, die Lage prüfte, wie denn der Schlaf am besten zu erwarten wäre, selbst da störte der Wunsch, aus diesem noch zu erwartenden Schlaf nicht wieder zu erwachen, das Wohlsein nicht. Für einen Augenblick fuhr ihm der Verstand dazwischen, mit Formeln wie,  er habe  betroffen zu sein, der Gedanke sei Frevel, was ihn wieder überlegen ließ, ob das nun wirklich der Verstand sei, der sich da melde, oder ob nicht von ganz woanders her sich da der Finger höbe, doch der gleiche Verstand, oder war er es jetzt erst, legte sich wieder zurück mit dem Satz, ihn betreffe nicht mehr, was da käme, und er habe ja nicht vor, selber einzugreifen, habe nur den Wunsch, nicht mehr aufzuwachen. Wer immer diesen Wunsch erfülle, er denke nicht daran, an sich selber Hand anzulegen, mein Gott, wie das schon klinge, womit auch die Verantwortung für das Folgende ihm nicht auferlegt werden könne.

Merkwürdig war, dass ihn nach dem Erwachen, - der Wunsch war, wie er ruhig feststellte, nicht erfüllt worden, eine gewisse Unruhe, diesen Wunsch gehabt zu haben, nicht verließ.

Von fern, nicht allzu fern, meinte er den Ruf zu hören, es sei Zeit aufzustehen. Nun gut, es war wieder Tag, und da es schon weit im Mai war, sollte wohl auch das Licht da sein. doch er hielt die Augen geschlossen. Wenn ihn dieser Ruf gar nicht erreichte, wen er nur unruhig war, weil es die Zeit war, da er ihn sonst hörte, auch die üblichen Geräusche durch das Haus drangen, so das prustende Sprudeln der Kaffee-maschine, das unregelmäßige Klappern von Geschirr, die hallenden Schritte auf den Küchenfliesen, dreimal hin, dann Pause, und wieder in die andere Richtung; aber er stand auf, nahm seinen Bademantel, ging hinunter und setzte sich an den Tisch. Im Badezimmer war er nicht gewesen. Auch Hunger hatte er nicht. Wahrscheinlich wird dies Bedürfnis irgendwann geringer, wobei ihm nicht ganz klar war, als er so dachte, ob es das Bad war oder der Verzicht auf das Frühstück. Es wird wohl alles weniger wichtig.

Sie übersah ihn. Er überlegte, ob gestern etwas gewesen war. Er vergaß oft, ob sie sich gestritten hatten, und wenn, erinnerte er sich an den Anlass nicht mehr, hatte nicht einmal das Bedürfnis, den Anlass wieder zu entdecken. Nun gut, es ging auch so. Manchmal hatten sie sich Tage angeschwiegen, und eines Morgens sprachen sie miteinander, als sei es immer so gewesen.

Er saß im Schlafanzug und Bademantel am Tisch. Vielleicht war er krank. Er erinnerte sich nicht, hatte gar keine Lust, darüber nachzudenken. Es war so, sicher. Also heute kein Dienst. Sein Sohn stürzte herein. Wie immer in Eile, halb schon in der Jacke griff er nach den fertigen Broten auf seinem Brettchen, trank hastig ein paar Schlucke aus dem Becher, sagte etwas, dann schlug die Tür zu. Es machte ihn  schon lange ärgerlich, dass diese Hetze durch die Vorbereitungen von Brot und Getränk legitimiert wurde, aber was war hier Folge und was Ursache. Er hätte ihn ohne Essen auf den Weg geschickt.

Er sah ihr zu, wie sie ruhig kaute, vom Tee nippte, die Prospekte durchblätterte und zwischendurch immer wieder innehielt und auf die geschlossenen Jalousien starrte. Er folgte ihrem Blick, als wolle er ihr die Sinnlosigkeit dieser Blickrichtung vor Augen führen. Aber er sah keine Reaktion. Es musste schlimm gewesen sein. Nun, es würde, wie so oft, sich wieder auflösen, wie ein Nebel, der, wenn er verschwunden ist, nie da gewesen zu sein scheint.

Schließlich stand sie auf, packte noch ihre Brotschachtel und das Portemonnaie in ihre Tasche, nahm den Autoschlüssel vom Haken und verließ das Zimmer. Vom Flur hörte er die Schritte, dann trat für einen Augenblick die Stille vor dem Spiegel ein, schließlich schlug die Tür und der Schlüssel drehte im Schloss. Entfernt klangen die Schritte auf den Wegplatten. Nun war Ruhe.

Nicht der Schlüssel im Schloss hatte ihn stutzig gemacht, es war Gewohnheit bei ihr. Aber er stellte plötzlich fest, dass sie das Licht ausgemacht hatte. Die Jalousien waren noch geschlossen. Das war denn doch dreist, denn sie konnte ja nicht wissen, dass es ihm nichts ausmachte, ja geradezu angenehm war, im Dunkeln zu sitzen.

Bielefeld vom Johannisberg, Rad. 2013

http://www.fabelhafte-buecher.de/buecher/autoren-und-schriftsteller/matthias-bronisch/

 

Interview mit "fabelhafte-bücher.de"

Die Vergangenheit ist auch meine Zukunft, wie sie seit den 60er Jahren meine Gegenwart ist. Bergen-Belsen hat mir vor Augen geführt, was mein Schicksal hätte sein können, wenn ich einige Jahre früher geboren worden wäre: schuldig zu werden.

Matthias Bronisch

Cellenschmelz

            (nach einem Besuch im ehemaligen KZ Bergen-Belsen bei Celle)

 

In das sauber gefegte

Kopfsteinpflaster

und die überhängenden Blumen

in die schmucke Quadratur

der Fachwerkbalken

 

sind eingelassen

 

die exakte Quadratur

der Barackenwege

die überkragenden Sicherheitszäune

und die gepflegte

Grablandschaft

 

Weiden, Radierung 2005

Seerosen, Holzschnitt
Akt, Holzschnitt (3 Platten)

Erkläre mir Liebe

 

Erkläre mir Liebe!

Sprich leise, leise;

nicht lauter als der Flügelschlag

des Schmetterlings.

 

Erzähl mir nichts von Orpheus’ Klagen,

vielleicht vom Licht,

das übers Wasser Zeichen gibt.

 

Ich will nichts wissen von dem Jammern Lears.

Sprich mir vom Faden, der durch zwei Hände läuft

und nachts zurück sich wickelt auf das Knäuel.

 

Ich will von dir nicht hören

die Schmeichelreden Cyranos.

Was sind sie gegen jenes Ach in stiller Kammer,

wo das Spinnrad leise surrt.

 

Erkläre mir Liebe,

die zwei Bäume wachsen lässt,

in deren Rauschen die Qual verstummt.

 

 

 

 

 

 

Matthias Bronisch

Vergessen

 

So vieles vergessen

oft ganz besessen

mich zu erinnern

und doch vergessen

 

Dann kommt das Erinnern

mit einem Wimmern

wenn durch ein Fenster

nachts die Gespenster

die Träume durcheilen

mich hetzen auf Wegen

völlig entlegen

von meinen Orten

ich ringe nach Worten

den Weg zu erfragen

 

In solchen Nächten

und den folgenden Tagen

jagen Gedanken

nach Erinnerungsfetzen

hetzen durch Zeiten

die längst vergangen

durchmessen Gefilde

die dem Vergessen

in Not übergeben

 

Doch aus dem Innern

steigt dann das Wimmern

wenn Erinnrung erwacht

im Traum in der Nacht

 

 

 

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