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Überarbeitet: 2. März 2021

Gedicht  gelesen in Skopje 2011.

Mutter über der Stadt

https://www.youtube.com/watch?v=KM-1ffJiVsA

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Einfühlung und Abstraktion in der Kunst Ernst Lindemanns

Kaum eine Dissertation in der Kunstgeschichte hat soviel Diskussionen ausgelöst wie „Abstraktion und Einfühlung“ (1905) von Wilhelm Worringer.  Sein neuer Blickwinkel auf die Entstehung von Kunst, auf den Umgang des Künstlers mit der ihn umgebenden Welt, hilft beim Verständnis der Kunst.

Die abendländische Kunst ist bestimmt von einem Einfühlen in die Welt, die den Künstler umgibt, er liebt diese Welt, sie gibt ihm Maß und Raum. Da ist keine Flucht vor dem Unbeherrschbaren, da schrecken nicht Donner und Blitz, da tritt der Mensch nicht die Flucht in die Glückseligkeit des Jenseits an. Die griechischen Götter sind menschlich, sind in den Räumen, in denen auch der Mensch lebt, zu Hause. Das bleibt nicht so. Im Mittelalter unter der christlichen Religion bedeutet der Glaube wieder Erlösung von irdischer Beschwernis, aus dem Jammertal. In dieser Zeit kommt es zu stärkerer Abstraktion. In der Gotik, vor allem in der gotischen Architektur, ist eine Jenseitsflucht bestimmend.

Doch mit der Renaissance wendet sich der Künstler und natürlich wenden mit ihm die Menschen sich dem Diesseits zu, der Mensch entdeckt wieder sein Ich und er entdeckt die Welt, in der er Gott nun zu finden meint. Mit der Hinwendung zur Welt entsteht das Landschaftsbild, das sich im Laufe der nächsten Jahrhunderte zum bestimmenden Thema entwickelt, bis es seinen Höhepunkt im Impressionismus erreicht.

Hier setzt die Malerei Ernst Lindemanns ein. Er, der durch ein traumatisches Erlebnis zu Beginn seiner Jugend, aus der Bahn geworfen wurde, entscheidet sich für den künstlerischen Weg, der oft auch Einsamkeit bedeutet. Er wählt den Brotberuf der angewandten Kunst, aber in seiner Lebensbeschreibung nennt er sein künstlerisches Schaffen sein Eigentliches. Doch zu Anfang spielt er die künstlerischen Wege seiner Zeit nach, den Impressionismus, den Jugendstil, ehe er zu dem kräftigeren Zugriff des Expressionismus kommt. Während er in seiner Ausbildung auch immer wieder Portraitzeichnungen gemacht hat, ist der Mensch als Gegenstand seiner Kunst selten, nämlich nur als Selbstportrait. Er ist ganz auf die Landschaft konzentriert, nicht die liebliche der Impressionisten, die leuchtende, sonnige, die blumenbewachsenen Wiesen unter blauem Himmel und leichten weißen Wolken, sondern seine Landschaften sind schwer, oft finster, der Mensch ist nur mit seinen heftigen Eingriffen da oder in den geduckten Hütten. Er selbst ist nicht zu sehen. Warum löst sich Ernst Lindemann so völlig von dem breiten Themenspektrum der Malerkollegen seiner Zeit? Van Gogh, Munch, Nolde, die er in Hamburg sieht, malen auch die Menschen. Er aber fühlt sich in die Landschaft ein, sie allein ist Raum, in dem er sich spüren kann. Ja, er hat den Turm der Johannis-Kirche gemalt, auch Dachgiebel, aber eben keine Stadt mit Menschen, mit Verkehr mit dem Gewirr der Straßen. Für ihn war die Landschaft sein Part, oder sollte man sagen Widerpart? Zu Anfang fühlt er sich noch ein, da sind auch Blumenrabatten, gemähte Felder mit Hocken. Aber die Bilder werden immer bewegter, immer heftiger die Farben, und er gerät tiefer in die Abstraktion, bis schließlich nur Bewegung, Heftigkeit des Farbauftrags und Linienschwung bleiben. Was führt bei Ernst Lindemann zu dieser Abstraktion? Worringer hat die Abstraktion als Kunstform damit erklärt, dass der Mensch sich dem Raum gegenüber, in dem er lebt, verloren fühlt, dass er ihn als Bedrohung sieht, dass er ihn bannen muss in Zeichen, eben in abstrakten Zeichen, die überschaubar und klar sind. Ernst Lindemann schreibt in seinem Aufsatz „Vom Sinn unserer Landschaft“:

„Nicht nur um uns ist unsere nordwestliche Landschaft, sondern auch in uns. Auf Gedeih und Verderb gehören wir zu ihr. Nicht sie kommt zu uns, sondern wir müssen zu ihr kommen.  Weil wir ja nur in ihrer Luft ganz tief atmen können. In dieser Luft, die ungehindert über Felder und Wälder weht, über Heide, Moor und Meer. Leise ist dies Wehen manchmal und dann wieder wird es zum peitschenden Sturm. Wolken rasen, ihre Schatten gespenstern über das weite Land; ein tosendes Miteinander von sprühendem Licht und abgründigem Dunkel, worin alles Dinghafte versinkt. Nach dem Drama wieder die Stille. Helles und Dunkles kämpft nicht mehr, sondern sein Strömen, Wogen will Einheit werden, ein einziges großes, lebendes, atmendes Wesen.“ Etwas weiter heißt es: „. Auch er (der Mensch) neigt sich in erschauernder Ehrfurcht; auch er weiß, dass er hier klein, gering ist, einem Sandkorn gleich, das der Wind wirbelnd entführt.“ (Ernst Lindemann, Vom Sinn unserer Landschaft; in: Lüneburgsche Anzeigen, 3. Blatt.5 Gilbhart/ Oktober 1934)

Die Sprache verrät schon zu Anfang dieses Textes, worum es geht: Gedeih und Verderb, peitschenden Sturm, Schatten gespenstern, abgründigem Dunkel. Seine Behinderung hat ihn den Menschen vielleicht entfremdet. Und die Landschaft? Auch sie hat etwas Bedrohliches, etwas, was den Menschen auszuschließen scheint. Aber Ernst Lindemann kämpft um diese Landschaft, wenigstens zu ihr möchte er gehören, in ihr möchte er zu Hause sein. Bleibt ihm am Ende nur, sie in Zeichen zu bannen? Über weite Strecken hat Ernst Lindemann sich eingefühlt in die Landschaft, sie hat er als seinen Raum erlebt. Doch hat er nicht den Menschen in diesem Raum gesehen. Versteckt, geduckt sind seine Behausungen in der Landschaft versteckt. War es seine Behinderung, die ihn den Menschen entfremdet hat? War es die Landschaft, die ihn nach Halt suchen ließ? War er ein Unbehauster, der nach der Landschaft als dem Zuhause suchte?

Wie er zu Anfang seines Textes beschreibt, scheint sie ihn auszustoßen, sie ist ein ‚abgründiges Dunkel’. So ist vielleicht zu verstehen, dass er zu abstrakteren, ornamentalen Formen kommt, in denen er die Landschaft zu bannen versucht. Worringer versucht die nordeuropäische Entwicklung zu erklären: „Und da ergibt sich ja schon …. die Tatsache, dass in dieser Kunst die Tendenz in ihrem ganzen Anfange eine abstrakte ist, die dem Organischen als Trübung des Ewigkeitswertes möglichst auszuweichen sucht und die wieder mit aller bewusster Absicht die Dreidimensionalität vermeidet und alles Heil in der Fläche sucht.“ (Wilhelm Worringer, Abstraktion und Einfühlung, München 1959, S.143)

So sieht man im oberen Bild wie der Künstler sich einfühlt in das Organische: Blumen, dahinter aufragende Bäume und im Durchblick eine Kirchenwand. Die Welt ist im Stil des Impressionismus erfasst. Das untere Bild drückt die Landschaft in die Fläche, ins Ornamentale. Bannt sie geradezu ins Zeichenhafte, um sich ihr nicht im Einfühlen auszuliefern.

Die beiden Begriffe entsprechen nach Meinung Worringers auf dem Gebiete der Religions- und Weltanschauungsgeschichte „ der Innerweltlichkeit (Immanenz), die sich als Polytheismus oder als Pantheismus charakterisiert und der Überweltlichkeit (Transzendenz), die zum Monotheismus überleitet.“ (a,a.O., S. 143)

Im oberen Bild sind Mensch und Welt im Einklang, während im unteren Bild Mensch und Welt sich entfremdet haben. Kunst wird zum Zeichen, in dem das Strömende, Unfeste, Unstete der Erscheinung gefestigt, gebannt wird. Wenn das einfühlende Sehen den Wind in der Bewegung der Bäume wahrnimmt, in dem Ziehen der Wolken, die Bewegung des Wassers in den Schaumkronen und das wandernde Licht  im Schatten wahrnimmt, dann nimmt das abstrahierende Sehen den Schwung und die Bewegung nur noch in der Führung der Linien, die verschiedenen Farben der Landschaft nur noch in einer symbolischen Farbigkeit wahr, nicht mehr in der Gegenstandsfarbe.

Geriet Lindemann in den 30er Jahren in eine Entfremdung zu seiner Zeit, er galt als entartet, und suchte er daher die Rettung in der Abstraktion? Ist vielleicht die moderne abstrakte Kunst erklärbar als Vertrauensverlust gegenüber einer Welt, die im 20. Jahrhundert aus den Fugen geraten war, und dass damit ein einfühlendes Sehen nicht mehr möglich war? Abstraktion fand im Norden statt, während in Italien und Spanien, selbst noch in Frankreich die Gegenständlichkeit in der Kunst zum großen Teil immer noch erhalten geblieben war.

 

(Dieser Text mit weiteren Bildern auch in der neuen Tentakel - Januar 2021)

 

 

Hoffnung, Liebe, Glaube

 

Erbaulich ist eigentlich nur eine Beerdigung! Ich lebe, sogar besonders intensiv, während ich zusehe, wie die vier Männer den Sarg an den straff gespannten Seilen in die Grube hinab lassen. Und dann erst in der Gaststätte, da langen sie zu, Butterkuchen und Schinkenbrötchen, und sie erzählen als ginge es um ihr Leben. Sprechen, lachen, auf die Schulter klopfen, als müssten sie jede Sekunde nutzen, damit ihnen nicht jemand dazwischen fährt und sie zum Schweigen bringt, wie jenen in der Grube. Es wird erzählt, geplant, verabredet, in der Hoffnung auf ein Wiedersehen. Da soll keine Pause eintreten, kein Innehalten, das macht verdächtig, als hielte das Leben an.

Wie viel bedrückender ist eine Hochzeit! Dieser Ritt über den Bodensee. Fast die Hälfte dieser so stürmisch, mit so viel Zuversicht begangenen Tage ist der erste Schritt auf einem Weg, an dessen Ende jeder der beiden wieder allein zwischen vier Wänden sitzt und nichts begreifen kann. Dieses Bild vor Augen kann der Gast dem jungen Paar nur in Trauer zusehen und er weint, manchmal ohne es zu wissen. Schon den überladenen Geschenkstisch möchte er vorsichtig aufteilen nach Familien und Freunden, damit in nicht zu ferner Zeit klar ist, wer was zurück fordern darf. Aber die beiden ahnen nichts, und so erhofft der Gast für Sie wenigstens ein paar schöne Tage oder Wochen der Liebe. Doch das Ende, es ist so schrecklich wahrscheinlich.

Noch trauriger ist eine Taufe. Nun gut, viele umgehen diesen Augenblick. Doch wer sich darauf einlässt, dieses kleine unschuldige Wesen, das keine Chance hat, sich zur Wehr zu setzen, einer Organisation anzuvertrauen, dafür sogar noch Leute als Paten haftbar macht, sollte wissen, dass es ein falsches Versprechen ist, das da im Ritus gegeben wird. Niemand wird nach der Grube warten. Und sollte dieses kleine Wesen darauf hoffen, bleibt immer noch offen, ob Feuer oder Manna.

 

Kindheit und Alter, Fotage 2017

Kindheit und Alter, Fotage 2017

Palenque, Mexiko, Radierung 2014

Bielefeld vom Johannisberg, Rad. 2013

http://www.fabelhafte-buecher.de/buecher/autoren-und-schriftsteller/matthias-bronisch/

 

Interview mit "fabelhafte-bücher.de"

 

 

Matthias Bronisch

Ein Schmetterling

 

Sie tritt auf die Straße. Die Tür schlägt hinter ihr zu. Das war’s also! Was soll nun werden? Was werden soll, hatte ihr Rechtsanwalt gesagt, kann ich Ihnen nicht sagen, aber was ist: Sie sind eine bankrotte Geschäftsfrau. Das ist! Und was soll werden? So kann sie nicht nach Hause kommen, mit leeren Händen. Alles verloren! Gibt es denn gar keine Möglichkeiten mehr? Sie war zu leichtgläubig gewesen, hatte zu sehr vertraut, aber auf was? So ist es im Geschäft, da bringt jeder seine Schäfchen ins Trockne. Vertrauen, was zählt das schon. Blauäugig ist sie gewesen, so jedenfalls hatte sich der Rechtsanwalt ausgedrückt. Sie hätten misstrauisch sein müssen bei dem Angebot. Aber Sie, Sie glauben an das Gute im Menschen, das hätten Sie nicht tun dürfen. Es geht immer um den Vorteil, nicht um eine gute Gabe.

Ihr Schritt ist müde und langsam, sie ist unschlüssig, wohin sie sich wenden soll. Wie soll sie weitermachen, wie soll sie es ihnen sagen? Kein Ausweg, auch der Rechtsanwalt hatte ihr keinen angeboten. Da ist nichts zu machen. Natürlich können wir einiges versuchen, aber eine Aussicht, etwas zu retten, nein, ich sehe keine. Und sie? Sie sieht auch keine, nichts, nur Leere, kein Weg, kein Halt, nichts, was ihr nach einer Lösung aussieht.

Sie betritt den Zebrastreifen. Ein Wagen reißt sie mit sich und schleudert sie auf die Verkehrsinsel zurück. Neben der roten Ampel steht eine Frau mit einem kleinen Mädchen, das krampfhaft die Hand ihrer Mutter ergreift. Plötzlich reißt es sich los und streckt ihre Hand aus.

„Sieh mal, da fliegt ihre Seele!“

„Nein Kind, das ist ein Schmetterling!“

 

 

 

Die Vergangenheit ist auch meine Zukunft, wie sie seit den 60er Jahren meine Gegenwart ist. Bergen-Belsen hat mir vor Augen geführt, was mein Schicksal hätte sein können, wenn ich einige Jahre früher geboren worden wäre: schuldig zu werden.

Matthias Bronisch

Cellenschmelz

            (nach einem Besuch im ehemaligen KZ Bergen-Belsen bei Celle)

 

In das sauber gefegte

Kopfsteinpflaster

und die überhängenden Blumen

in die schmucke Quadratur

der Fachwerkbalken

 

sind eingelassen

 

die exakte Quadratur

der Barackenwege

die überkragenden Sicherheitszäune

und die gepflegte

Grablandschaft

 

Weiden, Radierung 2005

Matthias Bronisch

Kalte Nacht

 

„Hey, wie geht’s dir, Frank?“

Er hatte die Stimme sofort erkannt.

„Wie soll es schon gehen, Mia, blendend natürlich! Bald fängt das Studium an, allerdings bei Corona nicht die idealste Bedingung.“

„Ich rufe natürlich aus einem bestimmten Grund an: Könntest Du uns morgen noch einmal aushelfen? Wir haben beim Personal einige Corona-Fälle.“

Er überlegte nicht lange. „Natürlich komme ich.“

„Es ist auch nur für den einen Tag, uns ist Ersatz versprochen.“

„Ich bin um sieben bei euch. Bis morgen also, und grüß die anderen.“

Er lehnte sich zurück und starrte auf den Bildschirm. Sie brauchten ihn also immer noch. Die Arbeit in der Bethelschen Anstalt in Eckardtsheim hatte er nach einem Jahr beendet. Es war ein anstrengendes Jahr gewesen, aber er bereute die Entscheidung nicht. Er hatte das Gefühl, jetzt zu wissen, was im Leben wichtig war. Immer hatte er geglaubt, dass sein Leben nicht leicht war, allein mit der Mutter. Doch in diesem Jahr hatte er gesehen, was eine Last sein kann, was ein Leben gebunden ans Bett, was ein Leben, von dem man nichts mehr weiß, bedeuten kann. Er kann die Augen nicht vergessen, die ihm entgegen strahlten, wenn er das Zimmer betrat, wenn die Hand nach seiner Hand griff und nicht mehr loslassen wollte, wenn eine müde Stimme das eigene Leben vor ihm ausbreitete und während des Erzählens immer jünger wurde. Das alles hatte ihn glücklich gemacht.

 

Von Herford aus musste er früh los, um rechtzeitig da zu sein. Was dann den Tag über zu tun war, darüber musste er sich keine Gedanken machen, erst vor ein paar Wochen hatte er die Arbeit dort hinter sich. Die Fahrt lief glatt, auch wenn der Schneefall eingesetzt hatte und der  Scheibenwischer Schwierigkeiten hatte, die Sicht frei zu halten. Dann begegnete der ihnen wieder, die er ein Jahr lang begleitet hatte. Er durfte sie nicht umarmen, aber ein herzhafter Knuff war möglich und ein Lächeln der Augen, den Rest des Gesichts bedeckte die Maske. Er hatte der Mutter versprechen müssen, vorsichtig zu sein, damit der das Virus nicht mit nach hause brächte. Er half in der Küche, brachte das Essen in die Zimmer, half einigen in den Rollstuhl, andere unterstützte er beim Essen. Am Nachmittag mussten ein paar Betten neu bezogen werden und das Abendbrot wurde vorbereitet.

Den ganzen tag über hatte es weiter geschneit und ein heftiger Wind kam auf. Wenn er aus dem Fenster sah, bemerkte er erste Schneewehen an der Hauswand. Die Dunkelheit setzte früher ein, das Schneetreiben schluckte das Licht. Nach dem Abendessen hatten einige Frank gefragt, ob er im Saal nicht wieder etwas lesen könnte, wie er es häufiger abends gemacht hatte. Also suchte er in der Bibliothek ein Buch. Es sollte kein Roman sein, denn er würde ihn nicht bis zum Ende lesen können. Er entdeckte einen Band mit kürzeren Geschichten von Alice Munro. Er war geübt im Lesen und alle lauschten gespannt. Sobald er fertig war, rief schon eine der Zuhörerinnen: „Bitte, eine noch!“ und er mochte es ihnen nicht abschlagen, obwohl er sah, wie das Fenster immer dichter vom Schnee zugeweht wurde.

Dann musste er einigen noch ins Bett helfen. Es wurde fast zehn Uhr, ehe er loskam.

Er steuerte den Wagen zur Autobahnauffahrt, um möglichst die engeren Straßen durch den Teuto zu vermeiden. Der Schneefall wurde immer dichter. Zum Glück hatte er Winterreifen drauf, trotzdem merkte er, dass die Räder immer wieder rutschten. Auf der Autobahn sah er, dass der Verkehr noch keineswegs abgeflaut war, wie er gehofft hatte, vor allem die Kolonne der Lastwagen auf der rechten Spur war dicht und scheinbar endlos. Ein paar hundert Meter schaffte er, dann sah er, dass ein LKW, der es in der Schlange wohl nicht mehr ausgehalten hatte, nach links ausgeschert war und quer stand. Die restlichen beiden Streifen waren besetzt. Ws würde jetzt passieren? Vor ihm waren einige wagen durch den Laster ausgebremst worden. Über sie hinweg sah, wie der Laster versuchte, aus seiner Lage heraus zu kommen, aber vergeblich.

Langsam dämmerte ihm, was da kommen konnte. Das Thermometer im Armaturenbrett zeigte 12 Grad minus an, und im selben Augenblick sah er, dass die Tanknadel auf Reserve zuging. Da alle standen, schaltete er den Motor aus. Jetzt musste er genau planen, wie er vorgehen wollte. Noch war es warm im Wagen, doch er ahnte, dass das nicht lange anhalten würde. Auf der Rückbank lag eine Decke, die ihm die Mutter noch am Abend hingelegt hatte. „Die nimmst Du mit, es ist Winter und es schneit!“, hatte sie mit Bestimmtheit gesagt. Und noch tat er, was sie ihm sagte, obwohl er sich zu manchem Widerspruch schon aufraffte. Diesmal zum Glück nicht, dachte er, sie hat es gewusst. Es ärgerte ihn, dass sie wieder mal Recht gehabt hatte.

Schon nach zwanzig Minuten musste er den Motor wieder anstellen, es war kalt geworden trotz der Decke, die er sich um die Schultern gelegt hatte. Er stellte den Scheibenwischer an, um zu sehen, ob sich etwas da vorne tat. Aber es herrschte Totenstille, keiner hatte seinen Wagen verlassen, um zu sehen, ob sich eine Lösung anbahnte. Die Nadel stand der Reserve sehr nahe, er musste den Motor abstellen. Die Nachrichten schlossen mit der Verkehrslage und die sah auf der A2 trübe aus: 10 km Stau. Er hatte sich nach rechts eingeordnet, aber vor ihm war wohl kein Durchkommen, falls ein Rettungsfahrzeug kommen würde, die Laster hatten die Fahrbahn zugestellt. Nichts rührte sich. Er sah auf den Nebensitz. In der Tasche war nichts außer den Papieren. Kein Getränk, kein Brot. Er zog die Decke enger um die Schultern. Das Thermometer zeigte schon 15 Grad minus. Er versuchte über das Handy die Mutter zu erreichen. Er sah dass auch das Handy schon bei 30% war.

„Ja, bist Du das?“, hörte er sie.

„Ja, ich stecke fest, ich hab vergessen noch zu tanken und das Handy geht auch zu Ende. Ich werd hier wohl noch ne zeitlang hängen. Mach Dir keine Sorgen, ich hab ja die Decke.“

„Junge, was machst Du? Hast Du wenigstens was zu trinken dabei?“

„Mach Dir keine Sorgen, ich werd`s schon überstehen.“

„Na, hoffentlich! Mach trotzdem immer mal den Motor an.“

„O.k., bis nachher.“

 

Er wusste nicht, wie viel der Motor im Stand verbrauchen würde. Er wollte nichts riskieren. Doch es dauerte nicht lange, bis er die Kälte in den Füßen spürte. Er bewegte die Zehen, trat mit den Füßen auf den Boden. Dann fiel das Handy aus. Er steckte es in die Hosentasche, um es warm zu halten. Die Frontscheibe war zugeweht. Er stellte den Motor aus. Für einen Augenblick schloss er die Augen. Er ging die Möglichkeiten durch. Den Wagen stehen lassen und zu Fuß eine Siedlung erreichen – er ließ den Gedanken fallen. Zu dem Lastwagen gehen, fragen, ob sie etwas gehört haben von Rettungsfahrzeugen – sinnlos. Dann war er eingeschlafen. Schon nach kurzer Zeit schreckte er hoch. Nein, schlafen durfte er nicht. Er musste auf jeden Fall den Wecker stellen. Er holte das Handy aus der Tasche. Tatsächlich, es ging wieder. Er stellte den Wecker auf 11 Uhr. Eine halbe Stunde konnte er schlafen.

Als es klingelte schreckte er hoch. Es war sehr kalt im Wagen geworden, er musste den Motor wieder anstellen. Die Scheiben waren zugefroren. Er stieg aus und kratzte sie fei. Niemand war zu sehen, er erleichterte sich schnell am Straßenrand. Im Wagen war es wärmer geworden. Er stellte den Motor ab. Er stellte den Wecker auf 12 Uhr und lehnte sich zurück. Schnell war er eingeschlafen. Er hörte ein Stöhnen. Über der Tür brannte das rote Lämpchen. Als er das Zimmer betrat, sah er die weit geöffneten Augen. „Es ist alles gut, ich bin da“, sagte er. Sie streckte die Hand aus, aber er konnte sie nicht fassen. Er stand wie angewurzelt. Wieder das Stöhnen und schweres Atmen. Warum kam er nicht an das Bett? Der Wecker klingelte. Er schreckte hoch. Für einen Augenblick wusste er nicht, wo er war. Er drehte den Zündschlüssel, der Motor lief. Die Scheibe war wieder zugefroren. Es war kalt im Wagen. Der Zeiger des Tanks war der Reserve sehr nahe. Es war nach Mitternacht. Draußen trieb der Wind die Flocken vorbei. Es war sehr still. Er wäre gerne ein paar Schritte gegangen, aber er fürchtete, die Kälte würde in den Wagen dringen. Er erinnerte sich an den Traum. Hatte er Angst? Hatte er selber gestöhnt? Warum kamen die Helfer nicht? Er hatte Angst einzuschlafen, ohne den Wecker gestellt zu haben. Er stellte ihn auf 1 Uhr. Er schlief ein. Er irrte durch dunkle Gänge, suchte nach einem Ausweg. An dieser Ecke war er doch schon einmal gewesen. Hinten im Flur sah er Licht. Es war eine einzelne Glühbirne, die von der Decke baumelte. Eine Gestalt kam den Flur entlang, er erkannte sie. Er wusste nicht mehr in welchem Zimmer sie wohnte,  aber er wusste dass sie dement war und sicher ihre Orientierung verloren hatte. Er wollte sie unterhaken, um mit ihr das Zimmer zu finden. Sie wurde zornig und stieß ihn von sich. Er schreckte hoch. Der Wecker hatte nicht geklingelt, etwas anderes musste ihn geweckt haben. Es klopfte jemand an seine Scheibe. Er öffnete die Tür.

„Haben Sie etwas gehört, kommen Rettungsfahrzeuge?“, fragte ein älterer Mann.

„Nein, ich habe geschlafen. Mein Handy hat kaum noch Strom. Ich schalte mal das Radio an.“

„Ich bin im Wagen hinter Ihnen, wenn Sie was hören, sagen Sie mir Bescheid?“

„Ja, klar, mache ich.“

Der Mann verschwand im Schneetreiben. Er stellte den Motor ab. Er sah auf die Uhr, es war kurz vor 1. Der Wecker musste gleich läuten, also stellte er ihn ab. Im Radio waren es immer die gleichen Meldungen nach den Nachrichten: 15 km Stau bei heftigem Schneetreiben. Er schlief wieder ein. Wieder war er unterwegs in den Gängen dieses riesigen Hauses. Wo er war, wusste er, nur sah alles anders aus. Vor allem war es dunkel und sehr still. Man hätte doch etwas hören müssen, in dem Haus hörte man immer etwas, Schritte oder ein verzweifeltes Rufen, auch einen Fernseher, der die Schlaflosigkeit füllte. Er lauschte, aber konnte nichts hören. Wieder ließ ihn ein Klopfen hochschrecken. Draußen stand eine Frau und hielt ihm einen dampfenden Becher entgegen.

„Guten Morgen, Sie sind sicher fast erfroren. Wir kamen nicht durch, jedenfalls nur sehr mühsam“, sagte sie. „Trinken Sie, gleich bringen wir etwas zu essen. Ich sehe, Sie haben eine Decke, wenigstens das.“

„Danke“, sagte er, „das tut gut. Ich dachte schon, ich halte nicht durch.“ Er sah auf die Uhr. Es war schon 5 Uhr früh. Er stieg aus und versuchte ein paar Schritte zu gehen. Die Beine waren wie leblos. Er musste sich am Wagen abstützen. Er wollte zu Hause anrufen, doch der Akku war leer. Als die Frau zurückkam fragte er sie, ob sie ein Handy habe. Sie reichte es ihm. Er erreichte seine Mutter nicht. Langsam spürte er seine Beine wieder. Das Schneetreiben hatte nachgelassen. Ein paar Schritte machte er und ergriff die Hand der Frau. „Danke“.

Dann stieg er in den Wagen und ließ den Motor an.

Der Lastwagen vor ihm wurde von einem Abschleppwagen aus seiner Spur gezogen. Vorsichtig fuhr er an.

 

Seerosen, Holzschnitt
Akt, Holzschnitt (3 Platten)

Erkläre mir Liebe

 

Erkläre mir Liebe!

Sprich leise, leise;

nicht lauter als der Flügelschlag

des Schmetterlings.

 

Erzähl mir nichts von Orpheus’ Klagen,

vielleicht vom Licht,

das übers Wasser Zeichen gibt.

 

Ich will nichts wissen von dem Jammern Lears.

Sprich mir vom Faden, der durch zwei Hände läuft

und nachts zurück sich wickelt auf das Knäuel.

 

Ich will von dir nicht hören

die Schmeichelreden Cyranos.

Was sind sie gegen jenes Ach in stiller Kammer,

wo das Spinnrad leise surrt.

 

Erkläre mir Liebe,

die zwei Bäume wachsen lässt,

in deren Rauschen die Qual verstummt.

 

 

 

 

 

 

Matthias Bronisch

Vergessen

 

So vieles vergessen

oft ganz besessen

mich zu erinnern

und doch vergessen

 

Dann kommt das Erinnern

mit einem Wimmern

wenn durch ein Fenster

nachts die Gespenster

die Träume durcheilen

mich hetzen auf Wegen

völlig entlegen

von meinen Orten

ich ringe nach Worten

den Weg zu erfragen

 

In solchen Nächten

und den folgenden Tagen

jagen Gedanken

nach Erinnerungsfetzen

hetzen durch Zeiten

die längst vergangen

durchmessen Gefilde

die dem Vergessen

in Not übergeben

 

Doch aus dem Innern

steigt dann das Wimmern

wenn Erinnrung erwacht

im Traum in der Nacht

 

 

 

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